Für weitere 2,40
Euro allerdings könnte er den Einheimischen selbst in allen Schattierungen
seiner mentalen Dispositionen betrachten. Gegen Abend breche er die Sightseeing
Tour in Mitte ab, steige am Nordbahnhof in die M10, lehne sich in einen der
hinteren Sitze und schaue möglichst vorurteilslos auf das sich prächtig entfaltende
Panoptikum.
Dazu gesagt sei ihm,
dass er das vorzugsweise in der Woche tue, denn am Wochenende ist der so
liebenswert genannte Schizo Shuttle, ob der beispiellosen Dichte an
alkoholisierten jungen Leuten, ein harter und kompromissloser Ersatz für die
schon wieder aus der Mode gekommene Kuschelparty.
Den ersten Teil der
Strecke, an der Gedenkstätte der Berliner Mauer vorbei, wird er vornehmlich
unter seinesgleichen bleiben, doch schon nach der Eberswalderstraße sieht er jene,
über die Landesgrenzen hinaus, bekannten Mütter des Prenzlauer Bergs, vom hohen
Ross herabgestiegen, verzweifelt mit ihren Kinderwägen an den einzelnen
Haltestellen stehen. Vielleicht passten sie herein, wenn die Mitfahrer dem
zornigen Ruf „Durchtreten!“ folgen würden, aber das tun sie in der Regel nicht,
denn der schmale Gang zwischen den jeweiligen Eingangstüren ist offensichtlich vermint!
Eine gut angezogen
und frisierte Dame des ursprünglich gehobenen sächsischen Bürgertums sitzt
lauthals, chronologisch wahllos ferne Kindheitserinnerungen deklamierend in
einem Viererabteil. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt, denkt die gerade von Weißensee
um- und zugestiegene Kunststudentin mit der überdimensionalen Zeichenmappe, und
zieht sich zügig in den hinteren Teil der Bahn zurück, sogleich versunken in
das, sich im Fenster reflektierende, eigene Spiegelbild.
Hinter der
Greifswalder Straße heißt es: Proletarier aller Länder vereinigt euch! Ein Wochenende
zum Betrinken hat man dort schon vor der Krise nicht mehr nötig gehabt. In
lockeren Abständen, meist von Kneipe zu Eckkneipe strebend, wird die breite Danziger
Straße gequert. Dabei immer und für den Berliner typisch, den kürzesten Weg,
hier über das Gleisbett, im rotgeäderten Auge. Der Fahrer weiß das natürlich
auch, nur wenn die Stunde der Dämmerung allzu diesig, die Bewegungen draußen
allzu unkoordiniert sind, dann hat auch er manchmal Pech und plötzlich trudelt
eine Schnapsdrossel vor die aufkreischende Bahn. Reichte ihr Schutzengel aus
für die unfallfreie Überwindung des Damms, so lassen die Himmelsmächte sie
hinter der zweiten Baumreihe des Mittelstreifens hinterhältig im Stich und eine
Sekunde später findet sie sich eingeklemmt unter dem Schutzblech des ersten
Wagens. Ihre Lage hundertprozentig verkennend, beginnt sie auf das Unflätigste
zu fluchen und wilde Verwünschungen auszustoßen. Die bald nahenden
Krankenwagenfahrer will sie nicht sehen! Nicht jetzt! Nicht in dieser Lage! Nur
unter großen Mühen kann man sie befreien und unter ihrem lautstarken Protest wird
sie der schockiert bis ungeduldigen Menge entzogen.
Alle nachfolgenden
Bahnen haben ca. 60 Minuten Verspätung.
Ein ernster junger
Mann, rechtsseitig flatterndes Lid, steigt am Frankfurter Tor ein,
geheimnisvoll ausgebeulte Plastiktüten mit sich führend. Bedächtig kramt er
Papierrollen, Quast, Leimeimer hervor und beginnt, das gesamte Heck der Bahn
mitsamt den Fenstern sorgfältig zu tapezieren. Durch den Lautsprecher hört man
die Stimme eines Fahrers, der schon alles auf dieser Welt gesehen hat, atonal
formulieren: „Muss das sein?!“ Es muss.
Wer von den
ausländischen Besuchern, bis zur Endstation, weder bei seinen Freunden, auf einer
Party oder unter der Tram gelandet ist, der könnte jetzt, auf der Warschauer
Straße in die U- Bahn Linie 1 umsteigen aber was dort passiert, dass wissen
dann alle, auch die, die noch nie in Berlin waren.
Genial, und jetzt bitte nochmal in umgekehrter Richtung!
AntwortenLöschenganz schön weite Reise ...
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