Sorgeeckemühsam

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Freitag, 1. März 2013

Schizo Shuttle

Hat der Berliner einen Verwandten oder Freund aus dem Ausland zu Besuch, dann fasst er ihn sanft an der Schulter und gibt ihm den jovialen Tipp, für unbedeutende 2,40 Euro mit dem 100er Bus durch die City zu cruisen, denn damit sind alle Sehenswürdigkeiten, von denen der Nichtberliner schon mal gehört hat, abgedeckt.

Für weitere  2,40 Euro allerdings könnte er den Einheimischen selbst in allen Schattierungen seiner mentalen Dispositionen betrachten. Gegen Abend breche er die Sightseeing Tour in Mitte ab, steige am Nordbahnhof in die M10, lehne sich in einen der hinteren Sitze und schaue möglichst vorurteilslos auf das sich prächtig entfaltende Panoptikum.


Dazu gesagt sei ihm, dass er das vorzugsweise in der Woche tue, denn am Wochenende ist der so liebenswert genannte Schizo Shuttle, ob der beispiellosen Dichte an alkoholisierten jungen Leuten, ein harter und kompromissloser Ersatz für die schon wieder aus der Mode gekommene Kuschelparty.

Den ersten Teil der Strecke, an der Gedenkstätte der Berliner Mauer vorbei, wird er vornehmlich unter seinesgleichen bleiben, doch schon nach der Eberswalderstraße sieht er jene, über die Landesgrenzen hinaus, bekannten Mütter des Prenzlauer Bergs, vom hohen Ross herabgestiegen, verzweifelt mit ihren Kinderwägen an den einzelnen Haltestellen stehen. Vielleicht passten sie herein, wenn die Mitfahrer dem zornigen Ruf „Durchtreten!“ folgen würden, aber das tun sie in der Regel nicht, denn der schmale Gang zwischen den jeweiligen Eingangstüren ist offensichtlich vermint!

Eine gut angezogen und frisierte Dame des ursprünglich gehobenen sächsischen Bürgertums sitzt lauthals, chronologisch wahllos ferne Kindheitserinnerungen deklamierend in einem Viererabteil. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt, denkt die gerade von Weißensee um- und zugestiegene Kunststudentin mit der überdimensionalen Zeichenmappe, und zieht sich zügig in den hinteren Teil der Bahn zurück, sogleich versunken in das, sich im Fenster reflektierende, eigene Spiegelbild.

Hinter der Greifswalder Straße heißt es: Proletarier aller Länder vereinigt euch! Ein Wochenende zum Betrinken hat man dort schon vor der Krise nicht mehr nötig gehabt. In lockeren Abständen, meist von Kneipe zu Eckkneipe strebend, wird die breite Danziger Straße gequert. Dabei immer und für den Berliner typisch, den kürzesten Weg, hier über das Gleisbett, im rotgeäderten Auge. Der Fahrer weiß das natürlich auch, nur wenn die Stunde der Dämmerung allzu diesig, die Bewegungen draußen allzu unkoordiniert sind, dann hat auch er manchmal Pech und plötzlich trudelt eine Schnapsdrossel vor die aufkreischende Bahn. Reichte ihr Schutzengel aus für die unfallfreie Überwindung des Damms, so lassen die Himmelsmächte sie hinter der zweiten Baumreihe des Mittelstreifens hinterhältig im Stich und eine Sekunde später findet sie sich eingeklemmt unter dem Schutzblech des ersten Wagens. Ihre Lage hundertprozentig verkennend, beginnt sie auf das Unflätigste zu fluchen und wilde Verwünschungen auszustoßen. Die bald nahenden Krankenwagenfahrer will sie nicht sehen! Nicht jetzt! Nicht in dieser Lage! Nur unter großen Mühen kann man sie befreien und unter ihrem lautstarken Protest wird sie der schockiert bis ungeduldigen Menge entzogen.

Alle nachfolgenden Bahnen haben ca. 60 Minuten Verspätung.

Ein ernster junger Mann, rechtsseitig flatterndes Lid, steigt am Frankfurter Tor ein, geheimnisvoll ausgebeulte Plastiktüten mit sich führend. Bedächtig kramt er Papierrollen, Quast, Leimeimer hervor und beginnt, das gesamte Heck der Bahn mitsamt den Fenstern sorgfältig zu tapezieren. Durch den Lautsprecher hört man die Stimme eines Fahrers, der schon alles auf dieser Welt gesehen hat, atonal formulieren: „Muss das sein?!“ Es muss.
Wer von den ausländischen Besuchern, bis zur Endstation, weder bei seinen Freunden, auf einer Party oder unter der Tram gelandet ist, der könnte jetzt, auf der Warschauer Straße in die U- Bahn Linie 1 umsteigen aber was dort passiert, dass wissen dann alle, auch die, die noch nie in Berlin waren.

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