Sorgeeckemühsam

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Montag, 24. Januar 2011

GeSüLzTeS

GESÜLZTES
Die Kindheit beschert einem Menschen  bekanntlich Vieles, unter anderem zahlreiche Begegnungen mit Speisen, die fortan das kulinarische Leben prägen.
 Neben dem Blutwurstteller „Tote Oma“ und den, von grünen Kaperntauchern umrundeten, in nebliger Soße ruhenden Königsberger Klopsen, stößt mir bis heute vor allem ein Mahl gewaltig auf: Sülze.
 „Nicht zum Verzehr geeignet“ möchte man bei Betrachtung der dicken Blöcke ausrufen, in denen sich hell- bis dunkelrosafarbige Fleischstückchen zu landkartenähnlichen Gebilden formen.
 Diese Warnung in den Wind geschlagen, breitet sich die Sülze mächtig im Verdauungsorgan aus, gewillt lange dort zu verweilen. Nicht selten gelingt ihr dies besonders gut mit Hilfe ihrer liebsten Begleitung: der Bratkartoffel.
 Die Liaison dieses Duo Infernal bleibt nicht ohne Folgen. Ihrer Zuneigung entspringt allzu oft der feurige Herr Sodbrennen, der den Essern nachts stundenlange Besuche abstattet und ihnen das Schlafen versülzt.
 Dennoch hält sich die Sülze hartnäckig auf den gastronomischen Karten. „Sülze satt“ in „Bernies Bude“ oder der „Sülzeteller mit regionalem Schweinskopf“ bei „Biene“ sind dafür nur zwei Beispiele.

Angesichts dieser Tatsache habe ich einmal über einen alternativen Gebrauch der Speise nachgedacht: Sülze als Kulturgut.
Geschichtsträchtig ist die Sülze allemal, so sei nur an die Hamburger Sülzeunruhen von 1919 erinnert. Pionierarbeit auf dem Gebiet des neuen Umgangs mit Sülze leisten bisher allerdings lediglich die Stadt Bad Sülze mit den jährlich stattfindenden Sülzefestspielen und das in der Magdeburger Börde gelegene Sülzetal, dass sich insbesondere auf die Förderung eines Sülzetourismus spezialisiert hat. 
So organisierten die Initiatoren kürzlich eine Ausstellung, in der junge Künstler unter dem Titel „Sülze – Möglichkeiten eines interkulturellen Transfers“ eigene Arbeiten präsentierten. In Anlehnung an die Fettecken Joseph Beuys’ trat hier erstmals die Sülze ihren Siegeszug in der bildenden Kunst an. Außerdem führte die Podiumsdiskussion „Marianne mampft Croutons – Germania genießt Sülze“ zu neuen Perspektiven des deutsch-französischen Verhältnisses.
Wünschenswert wäre darüber hinaus eine bisher noch ausbleibende thematische Auseinandersetzung in den Disziplinen Musik und Literatur. Beispielsweise könnte die Uraufführung der „Sülzphonie Nr. 5“ die diesjährigen Weimarer Festspiele eröffnen oder der Roman „Sülze auf unserer Haut“  im Frühjahrsprogramm der Edition Salzgeber erscheinen. 
Das wachsende Interesse an Sülze wird früher oder später  zu einem  gesellschaftlichen Umdenken führen, so erhält ja das Gesülze politischer Reden schon seit geraumer Zeit eine völlig neue Bewertung.
Dass sich die jüngere Generation bereits intensiv mit einem neuen Blick auf Sülze auseinandersetzt, zeigt der Bericht einer mir nahen Freundin. Deren Tochter wollte jüngst in einem Selbstversuch, das in einem Kinderbuch verbreitete Gerücht, Sülze mache beim Verzehr unsichtbar, aus den Angeln heben. Nach dem ersten Bissen bemerkte das Kind jedoch: Mama das wird nischt. Es schmeckt mir nicht.
So lehrt uns die Sülze eines: Schönheit liegt im Auge – nicht im Magen des Betrachters. Womit wir wieder beim Anfang wären.

2 Kommentare:

  1. Mein ursprünglicher Kommentar funzte ja nicht und ist auch nicht mehr rekonstruierbar, da er ja unvergleichlich ausgefeilt und bedeutungsschwer war... Jetzt bleibt mir nur zu sagen: tolle Autorenpseudonyme s.pandrillo und k.wenzmann...:D

    LG

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  2. Neuerdings wird ja auch mit Schüssler Sülzen geheilt

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